Integrierte Energieversorgung aus Wasserkraft und Aquathermie
Die Rommelmühle in Bietigheim‑Bissingen war Anfang Mai Schauplatz einer Fachexkursion auf Einladung der Interessengemeinschaft Wasserkraft Baden-Württemberg e.V. sowie der Plattform Erneuerbare Energien BW e.V. Die Führung zeigte eindrucksvoll, wie sich ein historischer Wasserkraftstandort zu einem vollständig integrierten, erneuerbaren Energiesystem weiterentwickeln lässt, das die Gebäude im Areal versorgt. Im Mittelpunkt standen die Verknüpfung von Wasserkraft und Aquathermie sowie moderne Ansätze zur Flexibilisierung von Strom‑ und Wärmesystemen.
Vom Mühlenstandort zum Energiequartier
Die über 500 Jahre alte Mühlenanlage wurde in den vergangenen Jahrzehnten schrittweise zu einem ökologisch ausgerichteten Wohn‑ und Gewerbestandort transformiert. Ausgehend von der Stilllegung der Mühle in den 1990er‑Jahren entstand ein lokales Energieversorgungssystem, das ab 2027 zu 100% erneuerbar arbeitet – sowohl im Strom‑ als auch im Wärmebereich.
Betreiber der gesamten Energieinfrastruktur ist die Kraftwärmeanlagen GmbH & Co. Rommelmühle KG, die vor rund 30 Jahren von Wolfgang Schuler und Ulrich Korb, den Gründern des Ingenieurbüro Schuler, als Strom und Wärmeversorger für das Rommelmühlen Areal ins Leben gerufen wurde.
Energetische Entwicklung: vom KWK‑Pionier zum Flexibilitätssystem
Bereits Ende der 1990er-Jahre wurde die Energieversorgung systematisch aufgebaut:
- Grundlegende Sanierung von Francis-Wasserturbinen (3 × 100 kW elektrische Leistung)
- Nutzung der Generatorabwärme (ca. 30 kW)
- Ergänzung durch ein Blockheizkraftwerk (BHKW) mit ca. 112 kW elektrischer Leistung
Dieses Konzept der Kraft-Wärme-Kopplung und Nutzung lokaler Energiequellen war für die frühen 2000er-Jahre innovativ und bildete die Grundlage für die heutige Systemarchitektur.
Seit 2020 erfolgt eine konsequente Weiterentwicklung hin zu einem flexiblen und dekarbonisierten System:
- Anpassung an neue Anforderungen wie Elektromobilität, Lastspitzen und Effizienzsteigerung
- Integration von Ladeinfrastruktur, die direkt mit Wasserkraftstrom versorgt wird
- Umstellung des BHKW von Dauerbetrieb auf flexiblen, bedarfsabhängigen Einsatz
Wasserkraft als stabile Grundlage
Die modernisierte Wasserkraftanlage bildet weiterhin das Fundament der Energieversorgung. Sie liefert kontinuierlich Strom, der sowohl in das Quartier fließt als auch ins öffentliche Netz eingespeist wird.
Die Exkursion zeigte anschaulich, wie bestehende wasserbauliche Infrastruktur langfristig erhalten und gleichzeitig in moderne Energieversorgungskonzepte integriert werden kann.
Aquathermie als zentrale Ergänzung
Mit der neu installierten Flusswasser‑Wärmepumpenanlage wurde das Energiesystem um eine weitere zentrale Komponente ergänzt. Konzeption, Planung, Bau und Betrieb liegen bei der e3 Energieanlagen GmbH unter Leitung von Erik Jenner.
Ein wesentliches technisches Merkmal ist die konkrete Umsetzung im Bestand:
Im Triebwerkskanal zwischen Rechen und Turbine wurden zweimal 700 Meter Wärmetauscherleitungen verlegt. Diese Integration in bestehende wasserbauliche Strukturen zeigt beispielhaft, wie Aquathermie und Wasserkraft räumlich und funktional miteinander verschränkt werden können.
Zum Einsatz kommt ein kombiniertes System:
- ein offenes System
- zwei geschlossene Wärmetauschersysteme
Ergänzt wird die Anlage durch:
- eine Niedertemperatur‑Wärmepumpe
- eine Booster-Wärmepumpe
- ein BHKW mit Redundanzkessel
Die Wärmeversorgung des gesamten Areals wird so auf erneuerbare Quellen umgestellt. Der Ausbau wurde zudem durch das Förderprogramm BEW Bundesförderung für effiziente Wärmenetze unterstützt.
Intelligente Systemsteuerung
Ein wesentliches Element der modernen Energieversorgung ist die digitale Steuerung und Optimierung:
- Echtzeitüberwachung der Anlagen
- Anpassung an Lastspitzen (z. B. durch E‑Mobilität)
- intelligente Verteilung von Strom und Wärme
- flexible Fahrweise von BHKW und Wärmepumpen
Die Systemintegration erfolgt mit Lösungen der Firma e3, die auf die Effizienzsteigerung und den sicheren Betrieb komplexer Energieanlagen ausgerichtet sind. Daher bildet e3 die gesamte Anlage auch digital ab – inklusive aller Bauteile und räumlichen Strukturen.
Dadurch ergeben sich mehrere praktische Vorteile:
- Möglichkeit der Fernwartung bereits im ersten Schritt
- schnelle Fehlerdiagnose und effiziente Betriebsoptimierung
- hohe Versorgungssicherheit durch 24/7‑Bereitschaftsdienst
- strukturierte Einarbeitung neuer Mitarbeitender durch digitale Dokumentation, Bilder und Erklärvideos
Diese Kombination aus technischer Infrastruktur und digitalem Anlagenmanagement wird zunehmend zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor für komplexe Energiesysteme.
Quagga-Muschel als ergänzende Fragestellung
Ein unerwarteter Befund verleiht dem Standort zusätzliche Relevanz: In der Anlage wurde die Quagga-Muschel nachgewiesen. Eine nicht heimische extrem invasive Muschelart.
Damit entsteht eine besondere Untersuchungsmöglichkeit:
Da sowohl offene als auch geschlossene Systeme parallel im gleichen Gewässer betrieben werden, lassen sich Auswirkungen auf unterschiedliche Wärmetauschersysteme direkt vergleichen.
Dies bietet wertvolle Erkenntnisse für zukünftige Aquathermieprojekte, insbesondere im Hinblick auf Betriebssicherheit und Wartung.
Breites Teilnehmerfeld
Die Exkursion zog Teilnehmende aus ganz Baden-Württemberg an und machte die Rommelmühle an diesem Tag zu einem Treffpunkt unterschiedlichster Akteursgruppen der Energiewende. Vertreter von Wasserkraftanlagen und kommunalen Energieversorgern nutzten ebenso die Gelegenheit zum Austausch wie Fachleute aus Ministerien, Genehmigungsbehörden und Kommunalverwaltungen. Auch Forschungseinrichtungen, Ingenieur‑ und Planungsbüros sowie Unternehmen aus der Energietechnik waren stark vertreten. Ergänzt wurde das Bild durch engagierte Vertreter aus Verbänden und Politik, die die Entwicklung solcher integrierten Energiesysteme aktiv begleiten.
Die Zusammensetzung der Teilnehmenden spiegelte eindrucksvoll wider, wie eng technische, wasserwirtschaftliche und energiepolitische Fragestellungen heute miteinander verzahnt sind – und wie groß das Interesse an praxistauglichen Lösungen im ganzen Land ist.
Fazit
Die Rommelmühle steht exemplarisch für die Transformation eines klassischen Wasserkraftstandorts zu einem vollständig erneuerbaren, integrierten Energiesystem. Die Verbindung von Wasserkraft, Aquathermie, Kraft‑Wärme‑Kopplung und intelligenter Steuerung zeigt, wie bestehende Infrastrukturen erfolgreich weiterentwickelt und an neue Anforderungen angepasst werden können.
Gleichzeitig wurde im Austausch der Teilnehmenden deutlich: Die Energiewende lebt vom Zusammenspiel unterschiedlicher Perspektiven und Kompetenzen. Gerade an der Schnittstelle von Strom‑, Wärme‑ und Wasserwirtschaft entstehen innovative Lösungen, wenn Praxis, Verwaltung, Forschung und Wirtschaft zusammenkommen und voneinander lernen.