22.09.2026 | Tiefe Geothermie verstehen

Strom, Wärme und bald auch Lithium?

Tiefe Geothermie © Plattform EE BW

Tiefe Geothermie © Plattform EE BW

Das Webinar „Tiefe Geothermie verstehen – Strom, Wärme und bald auch Lithium?“ fand am 22. September 2026 im Rahmen des vom Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg geförderten Projekts zur Tiefengeothermie statt. Referent war Dr. Thomas Kölbel von EnBW Forschung & Entwicklung, die Moderation übernahm Dr. Stefanie Hähnlein.

Im Mittelpunkt standen die Potenziale einer integrierten Nutzung geothermischer Ressourcen für die Erzeugung von Strom und Wärme sowie für die Gewinnung von Lithium. Die Dekarbonisierung des Wärmesektors zählt zu den größten Herausforderungen der Energiewende. Gleichzeitig steigt der Bedarf an Lithium für Batteriespeicher und Elektromobilität weltweit. Die geologischen Voraussetzungen des Oberrheingrabens ermöglichen es, beide Herausforderungen mit heimischen Ressourcen zu adressieren. Tiefengeothermie kann damit zur klimaneutralen Wärmeversorgung beitragen und perspektivisch die Versorgung mit kritischen Rohstoffen unterstützen.

Am Standort Bruchsal wird Thermalwasser aus einem rund 134 °C heißen Reservoir gefördert. Am Bohrlochkopf beträgt die Temperatur noch etwa 128 °C. Die Anlage fördert derzeit rund 28 Liter Thermalwasser pro Sekunde und erreicht eine elektrische Leistung von etwa 580 kW. Seit 2019 wird zusätzlich geothermische Wärme in das Fernwärmenetz eingespeist. Zu den Wärmeabnehmern gehört z. B. die Bereitschaftspolizei Baden-Württemberg mit einem Bedarf von rund 1,2 MW. Nach der energetischen Nutzung wird das Thermalwasser wieder in den Untergrund zurückgeführt. Die Fließzeit zwischen Reinjektion und erneuter Förderung beträgt etwa 15 Monate.

Die Wärmenutzung wird derzeit deutlich ausgebaut. Die Förderrate soll auf rund 55 Liter pro Sekunde steigen. Für die Heizperiode 2026/27 ist die Einspeisung von bis zu 12 MW geothermischer Wärme in das Bruchsaler Fernwärmenetz vorgesehen. Dies entspricht etwa 25 Prozent des jährlichen Wärmebedarfs der Stadt.

Die Anlage wird seit vielen Jahren durch ein unabhängiges seismisches Monitoring begleitet. Seit Inbetriebnahme der Anlage im Jahr 2009 kam es zu keinen messbaren seismischen Signalen durch die Geothermieanlage. Die Auswertung der Messdaten zeigt, dass die meisten registrierten Signale dem Schwerlastverkehr auf der nahegelegenen Autobahn zugeordnet werden können. Dies verdeutlicht die hohe Empfindlichkeit der Messtechnik und die Bedeutung einer fachlich fundierten Interpretation seismischer Messdaten.

Das Thermalwasser enthält neben hohen Salzkonzentrationen zahlreiche gelöste Elemente, darunter Lithium mit einer Konzentration von etwa 160 Milligramm pro Liter. In Bruchsal werden täglich Wassermengen gefördert, die rund 14.000 Badewannenfüllungen entsprechen. Daraus ergibt sich ein erhebliches Rohstoffpotenzial.

Für die bestehenden Geothermiestandorte am Oberrhein wurde ein theoretisch-technisches Potenzial von rund 6.500 Tonnen Lithiumcarbonat-Äquivalent pro Jahr genannt. Auf den Standort Bruchsal entfallen davon aktuell etwa 800 Tonnen pro Jahr. Mit steigenden Fördermengen würde dieses Potenzial entsprechend wachsen. Langfristig könnten nach Einschätzung der Referenten bis zu 25 Prozent des deutschen Lithiumbedarfs durch heimische geothermische Quellen gedeckt werden.

Gleichzeitig konzentrieren sich derzeit rund 62 Prozent der weltweiten Lithiumverarbeitungskapazitäten auf China, was die strategische Bedeutung europäischer Rohstoffquellen unterstreicht.

Zur Lithiumgewinnung kommt das Verfahren der Direct Lithium Extraction (DLE) zum Einsatz. Dabei werden Lithiumionen mithilfe spezieller Adsorbermaterialien selektiv aus dem Thermalwasser entfernt und anschließend weiter aufbereitet. In Bruchsal wurden bereits weit mehr als 500 Betriebszyklen durchgeführt und Produktreinheiten von über 99,5 Prozent erreicht. Der nächste Entwicklungsschritt ist ein Demonstrator mit einer Produktionskapazität von rund 200 Tonnen Lithiumcarbonat-Äquivalent pro Jahr.

Das Webinar erreichte insbesondere Fachleute aus Energiewirtschaft, Geothermiebranche, Forschung sowie kommunaler und staatlicher Verwaltung. Besonders stark vertreten waren Energieversorger, Stadtwerke, Landratsämter, Regierungspräsidien und Kommunen. Ergänzt wurde der Teilnehmerkreis durch Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Landes- und Bundespolitik, Umweltverbänden sowie Industrie- und Ingenieurunternehmen.

 

 

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