Wie gelangt die Wärme aus mehreren Kilometern Tiefe in unsere Heizungen? Welche geologischen Voraussetzungen müssen dafür erfüllt sein? Und wie werden Tiefengeothermieprojekte sicher geplant und betrieben? Antworten auf diese Fragen vermittelte das Webinar „Tiefe Geothermie verstehen – Von der Geologie zur Wärmewende“, das am 20. August 2026 als kostenfreie Online-Veranstaltung stattfand. Referent war Dr. Felix Allgaier von der Deutsche ErdWärme GmbH. Die Moderation übernahm Dr. Stefanie Hähnlein. Die Veranstaltung wurde im Rahmen einer durch das Umweltministerium Baden-Württemberg geförderten Maßnahme durchgeführt.
Im Mittelpunkt des Vortrags stand zunächst die grundlegende Funktionsweise der hydrothermalen Tiefengeothermie. Dr. Felix Allgaier erläuterte, wie heißes Tiefenwasser aus mehreren Kilometern Tiefe über Förderbohrungen an die Oberfläche gebracht wird. Dort kann die darin enthaltene Energie zur Wärmeversorgung von Gebäuden, zur Einspeisung in Fernwärmenetze oder unter bestimmten Voraussetzungen auch zur Stromerzeugung genutzt werden. Anschließend wird das abgekühlte Wasser über eine zweite Bohrung wieder in das geothermische Reservoir zurückgeführt. Unteranderem durch diesen geschlossenen Kreislauf bleibt die Ressource langfristig erhalten. Gleichzeitig zeigte der Referent die besonderen Vorteile der Tiefengeothermie auf: Sie ist grundlastfähig, unabhängig von Wetter und Jahreszeiten, stärkt die regionale Wertschöpfung und benötigt vergleichsweise wenig Fläche.
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der geologischen Erkundung geeigneter Standorte. Anhand anschaulicher Beispiele stellte Dr. Felix Allgaier die sogenannte 3D-Seismik vor. Dieses Verfahren funktioniert ähnlich wie ein medizinischer Ultraschall: Künstlich erzeugte Schallwellen werden in den Untergrund gesendet, an geologischen Schichtgrenzen reflektiert und an der Oberfläche aufgezeichnet. Aus diesen Daten entstehen dreidimensionale Modelle des Untergrundes, die Informationen über Tiefenlage, Temperaturen und geologische Strukturen liefern. Die Teilnehmenden erhielten dadurch einen Einblick, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mögliche Reservoirbereiche identifizieren und welche Bedeutung diese Voruntersuchungen für die spätere Bohrplanung haben. Deutlich wurde dabei, dass die erfolgreiche Entwicklung eines Geothermieprojekts bereits viele Jahre vor der eigentlichen Bohrung beginnt.
Anschaulich erläutert wurden außerdem die Eigenschaften geothermischer Reservoire. Die Wärme befindet sich nicht in unterirdischen Hohlräumen, sondern wird überwiegend durch heißes Wasser transportiert, das sich in Porenräumen, Klüften oder Karststrukturen bewegt. Für eine wirtschaftliche Nutzung müssen drei Voraussetzungen erfüllt sein: ausreichend hohe Temperaturen, genügend Wasser und eine ausreichende Durchlässigkeit des Gesteins. Der Referent stellte verschiedene Reservoirtypen vor und erläuterte die Unterschiede zwischen Poren-, Kluft- und Karstreservoiren.
Zudem zeigte er auf, wie sich Druck- und Temperaturverhältnisse im Reservoir während des Betriebs verändern und welche Rolle diese Prozesse für eine langfristig stabile Wärmeproduktion spielen. Anhand von Simulationsbeispielen wurde sichtbar, wie sich das reinjizierte Thermalwasser über Jahrzehnte im Untergrund ausbreitet und warum die Anordnung von Förder- und Injektionsbohrungen sorgfältig geplant werden muss.
Ein weiterer Themenblock widmete sich dem technischen Ablauf eines Geothermieprojekts. Die Teilnehmenden erhielten einen detaillierten Einblick in Planung und Durchführung moderner Tiefbohrungen, die je nach Standort Tiefen von mehreren tausend Metern erreichen können. Vorgestellt wurden der Aufbau einer Bohrung, die einzelnen Bohrphasen sowie Verfahren des Richtbohrens, mit denen geologische Zielbereiche präzise erschlossen werden können. Dabei erläuterte Dr. Felix Allgaier, wie Bohrungen schrittweise erstellt, verrohrt und zementiert werden. Das sogenannte Multi-Barrieren-Konzept sorgt dafür, dass Boden und Grundwasser zuverlässig geschützt werden. Ergänzt wird dies durch kontinuierliche Überwachungsmaßnahmen während Bau und Betrieb der Anlage. Auch die Rolle von hydraulischen Tests zur Bewertung der tatsächlich erschlossenen geothermischen Ressource wurde erläutert.
Ein zentrales Thema des Webinars waren Fragen rund um Sicherheit und Seismizität. Die Frage nach möglichen Erschütterungen zählt zu den häufigsten Anliegen in der öffentlichen Diskussion über Tiefengeothermie. Dr. Felix Allgaier erläuterte deshalb zunächst, dass natürliche Erdbeben auch in Deutschland regelmäßig auftreten und insbesondere der Südwesten Deutschlands geologisch zu den seismisch aktiveren Regionen zählt. Anschließend erklärte er, wie geothermische Projekte durch Druckänderungen im Untergrund unter bestimmten Voraussetzungen Mikroseismizität auslösen können. Moderne Geothermieprojekte verfügen deshalb über engmaschige Monitoring-Systeme. Auf Basis eines Ampelsystems werden die Messwerte bewertet. Werden darin festgelegte Schwellenwerte überschritten, können Betriebsparameter angepasst oder Anlagen vorübergehend heruntergefahren werden. Darüber hinaus stellte der Referent Maßnahmen zum Schutz des Grundwassers sowie Konzepte zur Überwachung der Bohrungsintegrität vor. Dadurch wurde deutlich, wie Risiken bereits in Planung, Bau und Betrieb kontinuierlich überwacht und minimiert werden.
Das Webinar stieß auf großes Interesse. Knapp 80 Personen hatten sich für die Veranstaltung registriert. Sie kamen überwiegend aus Deutschland, darüber hinaus aber auch aus Österreich, der Schweiz und Frankreich. Vertreten waren Kommunen und Landkreise, Landes- und Bundesbehörden, Ministerien, Forschungs- und Hochschuleinrichtungen, Energieagenturen, Stadtwerke, Unternehmen der Energie- und Geothermiebranche, Planungs- und Ingenieurbüros, Umwelt- und Naturschutzverbände sowie interessierte Bürgerinnen und Bürger. Die Zusammensetzung der Teilnehmenden verdeutlichte die große Bandbreite der Akteure, die sich mit den Chancen und Herausforderungen der Tiefengeothermie beschäftigen.
In der anschließenden Fragerunde wurde das breite Themenspektrum des Webinars nochmals aufgegriffen. Die Teilnehmenden interessierten sich unter anderem für das verbleibende Fündigkeitsrisiko bei modernen Geothermieprojekten und die Frage, wie sich dieses durch verbesserte Erkundungsverfahren wie die 3D-Seismik in den vergangenen Jahren verändert hat. Weitere Fragen befassten sich mit möglichen Berührungspunkten zwischen Tiefengeothermie und der Endlagersuche für hochradioaktive Abfälle, dem Austausch mit zuständigen Fachbehörden sowie der Flexibilität geothermischer Anlagen bei schwankendem Wärmebedarf im Jahresverlauf. Auch wirtschaftliche und praktische Aspekte des Geothermieausbaus standen im Fokus. Die Teilnehmenden fragten nach typischen Kosten und Zeiträumen von Tiefbohrungen, der Verfügbarkeit von Bohrgeräten und Fachpersonal sowie der langfristigen Regenerationsfähigkeit geothermischer Reservoirs. Die Diskussion machte deutlich, dass neben den geologischen und technischen Grundlagen insbesondere Fragen zur praktischen Umsetzung und Skalierung der Tiefengeothermie auf großes Interesse stoßen.
Das Webinar vermittelte nicht nur die geologischen und technischen Grundlagen der Tiefengeothermie, sondern zeigte auch auf, wie eng der Erfolg eines Projekts von einem fundierten Verständnis des Untergrunds abhängt. Von der geologischen Erkundung über die Planung und Durchführung von Tiefbohrungen bis hin zum langfristigen Reservoirmanagement wurde nachvollziehbar dargestellt, welche Faktoren für eine sichere und wirtschaftliche Nutzung geothermischer Wärme entscheidend sind. Gleichzeitig zeigte der Vortrag auf, wie moderne Erkundungsverfahren, technische Sicherheitskonzepte und kontinuierliche Überwachung dazu beitragen, Risiken zu minimieren und die Tiefengeothermie als verlässliche Wärmequelle für die Zukunft nutzbar zu machen.